Wolfswanderung am Grünen Band

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Autor Thema: Wolfswanderung am Grünen Band  (Gelesen 317 mal)

Oval 5

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Wolfswanderung am Grünen Band
« am: 18.03. 2020, 03h57 »

Eine Wolfswanderung, organisiert vom BUND(Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V.) gemeinsam mit dem Wolfskompetenzzentrum Iden(WZI), entlang der ehemaligen Deutsch-Deutschen Grenze war vor ein paar Wochen in der Zeitung angekündigt. Man mußte sich voranmelden. Das hab ich getan. Denn wenn man schon da lebt, wo Wölfe frei rumlaufen, soll man sich auch ein wenig auskennen hab ich mir gedacht.

Das wird mal ein längerer Bericht, dem ich zur Auflockerung und Illustration ein paar Fotos beisteuere :)
(Anmerkung für die, die sich über das Datum wundern: Angefangen gestern, ist dieser Beitrag erst am 19.3.20 ~16h20 fertig geworden.)


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Treffpunkt war ein großer Parkplatz ein paar km vor dem eigentlich Start der Wanderung. Da haben wir nach einer sehr pünktlich begonnenen Vorrede Fahrgemeinschaften gebildet, um die Anzahl der später am Waldrand abgestellten Autos zu reduzieren. Das hat schon mal gut funktioniert und die ersten Kontakte geschaffen.

Als alle da waren, sind wir also losgelaufen, haben uns ein wenig in die Umgebung gewöhnt und umgeschaut. Wie ist der Weg zu gehen? Wer ist überhaupt alles dabei - ich selber kenne niemanden, versuche die Menschen ein wenig einzuschätzen. Eines ist schon mal klar - das ist hier keine einheitliche Gruppe. So unterschiedlich die Haltung zum Wildtier Wolf ist, so unterschiedlich scheinen auch die Beweggründe dafür, hier mitzugehen.   
 

500 Meter vor der eigentlichen Landesgrenze bleiben wir stehen. Herr Stahl von der BUND-Koordinierungsstelle Grünes Band erklärt uns, daß zu DDR-Zeiten hier der Grenz-Signalzaun stand. Schon weit vorher hatte man auf DDR-Seite nur noch mit besonderer Berechtigung Zutritt zum Grenzgebiet. Viel später werden wir erfahren, daß die DDR-Grenze auch für den Wolf galt - deklariert als streunende Hunde waren über die Grenze zugewanderte Wölfe ganz einfach geschossen worden. 
 





Frau Weber vom Wolfskompetenzzentrum Iden nutzt die Gunst der Situation und zeigt uns Pfotenabdrücke im aufgeweichten Boden zwischen den Spuren des Plattenwegs.
Vermutlich Hund - weil die Tritte der Vorder- und Hinterläufe schräg hintereinander getrennt zu sehen sind. Wobei - das lernen wir gleich als erstes - einzelne Abdrücke passender Größe keine gesicherte Aussage ermöglichen können, ob hier ein Wolf oder in Hund gelaufen war. 




Ein Stück weiter bleiben wir das nächste Mal stehen.




Vor uns ein sandiger Hügel im Sonnenlicht. Leider hatte es in der Nacht zuvor geregnet. Wir stehen; hören, daß wir hier praktisch im "Wohnzimmer" des grenzüberschreitenden Gartower Wolfsrudels (4.3.1 im WZI Monitoringbericht 2018/19 PDF-23.462 KB) seien und während wir uns die Grundlagen wölfischer Verhaltensweisen erklären lassen und einiges zum "Grünen Band", ist Frau Kamp(auch WZI) unterwegs um im sandigen Hügel nach Wolfsspuren zu suchen.   




Was wir uns dann in natura anschauen konnten, hab ich hier (mit Querstrichen zum Meterstab hin) dunkel hervorgehoben:
Vier Doppeltritte in einer Linie aufgereiht wie auf einer Perlenschnur.
Man nennt das geschnürter Trab. Der Canide(Hundeartige) läuft im Trab und tritt dabei mit den Hinterpfoten relativ genau in den Abdruck der Vorderpfoten. Das spart Energie, speziell in unwegsamem Gelände oder auch im Schnee und ist daher für die in großen Territorien lebenden und umherstreifenden Wölfe besonders vorteilhaft.
Um das hier klar zu sagen: Auch viele Hunde schnüren so, wenngleich ein versetzter/schräger Trab den Hund oft als solchen verrät. Der Unterschied zum Wolf, haben wir uns erklären lassen sei, daß Hunde in der Regel immer wieder stehen bleiben, schnuppern, sich rechts oder links um irgendetwas anderes kümmern und die Spuren daher schneller wieder abbrechen. Wölfe hingegen würden, so die Fachleute vom WZI diesen Gang über sehr weite Strecken ununterbrochen fortsetzen. Den Kopf waagrecht oder tief getragen, was den Abdruck der Vorderpfoten größer macht, als den der Hinterläufe. Die Abdruckbreite muß für den Wolf 7-9 cm betragen, die Länge 8-10 cm. Als gesicherte Wolfsspur würden daher im Monitoring nur ununterbrochen über mindestens 100 Meter verfolgbare Spuren geschnürten Trabs aufgenommen. Das Foto unten zeigt also nur, wie die Wolfsspur aussieht, könnte in diesem Fall aber auch eine Hundespur gewesen sein.






Aufgeteilt in zwei Gruppen gehen wir anschließend eine Runde - eine Gruppe rechts rum mit Frau Weber, die andere links herum mit Frau Kamp mit der Aufgabe, uns umzuschauen nach Spuren - also auch z.B. Kot.







Als Erstes fällt uns ein eigenartiger, schwarzer Fleck am Boden neben dem sonnenbeschienenen, sandigen Weg auf.




Ameisen! Beim Sonnenbaden. Sozusagen natürliche Sonnenkollektoren.






Wir stehen hier mitten in einer frisch gerodeten Freifläche auf der ehemaligen Grenze. 




Wieso hier gerodet wurde (was in einer Zeit, in der die Trockenheit der letzten beiden Sommer in den Wäldern rundum sehr viele Bäume gekostet hatte schon wieder böses Blut in der Bevölkerung hat aufwallen lassen) erklärt uns eine Info-Tafel am Wegrand. Leider befürchte ich, daß die kompetente Ausdrucksweise auch dieser Tafel wieder genau all jene nicht verstehen werden, die die Rodung an sich schon nicht verstehen. Schade eigentlich. Wieder eine vertane Chance.
Für die Artenvielfalt wird es sicher trotzdem hilfreich sein.




Dann findet tatsächlich jemand etwas abseits einer Wegkreuzung einen stark von Fellresten geprägten Kothaufen.




Längenmessungen (zusammen müssen die Teile mindestens 20 cm ergeben, da es sonst auch Fuchs sein könnte) lassen auf Wolf schließen. Wolfskot riecht sehr eigen. Man muß aber peinlich darauf achten, nichts vom Kot einzuatmen, da man sich mit Fuchsbandwurmeiern infizieren kann dabei und das ist absolut höchst gefährlich für den Menschen. Also bitte lieber nicht gerochen, als die eigenen Gesundheit infrage zu stellen! Das gilt speziell für trockenen Kot natürlich, der dann recht staubig sein kann.
Wer dem (jeweils zuständigen) Wolfskompetenzzentrum Kotfunde melden möchte, soll möglichst die Fundstelle mit Hintergrund fotografieren, einen aussagekräftigen Größenvergleich mit dem Kot zusammen fotografieren (mit dem eigenen Körper Schatten machen kann die Fotos bei starker Sonne besser werden lassen) und das dann mit genauer Ortsangabe (zB den GPS-Daten vom Handy-Foto) per mail weiterleiten.
Früh genug gefunden (binnen 24 Stunden) können durch DNA-Proben solcher Funde die einzelnen Tiere bestimmt werden. Das wiederum kann im Monitoring (der Überwachung) ermöglichen, ggf. auch einzelne wirklich gefährliche Tiere zu identifizieren. Weil man soll nicht blauäugig sein: Ein Wolf ist und bleibt ein Beutegreifer. Es gibt durchaus heftige Schäden an "Nutztieren", allerdings scheinen die nur sehr selten von immer wieder gleichen Wölfen verursacht zu werden, sondern hauptsächlich von oft noch einzeln herumstreifenden, Jagd-unerfahrenen Jungwölfen, die eben hungrig irgendwo ungeschützte Schafe, Rinder  oder Ziegen finden und "probieren" ... Für die, die diese Haustiere gepflegt haben ist das ggf. ein katastrophaler Moment, wenn sie ihre Tiere ggf. halbtot zerfetzt auf der Weide finden.
Zu wissen, wo welche Wölfe sind, kann durchaus eine gute Sache sein und wir können wie gesagt dazu beitragen.     




Eine Aufforstung, geschützt durch Wildzaun auf unserem weiteren Weg. Wölfe dezimieren nicht (im Gegensatz zur landläufigen Meinung) den Wildbestand. Ganz im Gegenteil zeigen die Daten, daß wo der Wolf ist, sowohl für den Wolf als auch für die Jäger mehr Wild aus dem Wald geholt wird und die Bestände doch nicht zurück gehen (das könne man aus den jährlich veröffentlichten Zahlen ersehen, so Frau Weber). Es gibt aber den Spruch "Wo der Wolf, da wächst der Wald" - und as hat scheinbar schlicht damit zu tun, daß das Wild öfter flieht und so die Jungpflanzen der Bäume in größerer Zahl überleben. Also Wolf statt Zaun... wenn's denn reicht.



Die andere Gruppe hat uns eine Dachs-Spur gekennzeichnet am Wg. Und wir finden auch noch mal
Tritte eines geschnürten Trab. Wie gesagt: Ob das wirklich eine Wolfsspur war, hätten wir mit nur ein paar Tritten nicht mit Sicherheit sagen können. Daß es hier Wölfe gibt ist aber gesichert, auch welche Wölfe das sind ist bestimmt und wird kontinuierlich im Rahmen der Möglichkeiten Überwacht.
D.h. im Wald hängen Kameras. (Die nehmen alles auf, was sich da bewegt! Also auch uns. Nur daß es mal gesagt ist. Auch der Mensch wird in Deutschland heute dauerüberwacht). Unsere Wolfsüberwacher sind jeden Tag unterwegs, lesen Spuren, nehmen die Daten aus den Kameras mit, suchen Kot, werten Hinweise aus und erstellen jährlich ihre von der EU für vom Aussterben bedrohten Tierarten vorgeschriebenen Berichte. Das ist viel Arbeit und kostet uns sehr viel Geld. Weniger vom Aussterben bedrohte Tierarten wäre also sogar finanziell ein echter Vorteil.   
 




Zum Thema Herdenschutz und vor allem Herdenschutzhunde
habe ich angeregt, eine lückenlose Organisation der Bestände in kompetente Händen zu garantieren. Es kann meiner Meinung nach nicht sein, daß sich die Herdenschützer nur mit den geeigneten Welpen abgeben und das Problem ungeeigneter/unzuverlässiger Herdenschutzhunde der Gesellschft überlassen, die sich dann in zwei große Gruppen geteilt (Tierschützer versus Menschenschützer) heftigste Gefechte liefern.
Wir erinnern uns: Der Herdenschutzhund soll eigentlich nur verbellen, ist aber durchaus mit ~ 60 kg und einem ausgeprägtem Feindbild Wolf/Hund, wenn er nicht "sauber" ist, eine echte Gefahr für Spaziergänger mit Hund. Das gibt es auch mündlich bestätigt von Hirten großer Schafherden und als Hundhalter haben wir die artgerechte Bewegung unserer Hunde zu garantieren.
In Tierheimen vegitieren unzählige Kangel und Konsorten unter für die Rassen untragbarer Enge. Das ist für mich nicht Tierschutz. Das ist Tierquälerei, weil eine verantwortungsvolle Vermittlung dieser (ja nicht "guten") Kampfhunde innerhalb Deutschlands fast unmöglich ist. Ein freiwilliger "Gassigeher" kann so einen Hund in aller Regel nicht im Griff haben, die sind wirklich einfach das ganze Jahr nur weg gesperrt.
Die Problematik ungeeigneter Herdenschutzhunde gehört finde ich, wenn man schon Herdenschutzhunde als Herdenschutz staatlich subventioniert, auch mit im gleichen Verantwortungsbereich untergebracht und im Einzelfall verantwortet.
Wir haben sehr strenge Auflagen für die Haltung von wehrhaften Hunden (Stichwort Kampfhundeverordung) für alle und jeden und es gibt eigentlich kein vernünftiges Argument, wieso das bei Herdenschutzhunden anders sein dürfte - die Gefahren für die Gesellschaft sind die gleichen und vermutlich zumindest für den Menschen deutlich größere, als die durch den Wolf.

 



Für weiterführende Informationen halte ich die Seite der DBBW (Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf) für eine gute Ausgangsbasis - es sind dort die Links zu der einzelnen Länder-Kompetenzzentren mit den regional Zuständigen und deren Montoring-Berichten und Kontaktdetails verlinkt. Das ist alles erst mal weitgehend emotionsfreie Information. Für die Gefühle braucht man in der Regel ja keine Vorreiter, die hat man eh selber.

Leitlinie Wolf (Sachsen-Anhalt 6.07.2017a PDF, 461 Kb)

2015_Monitoringstandards für Wolf, Luchs, Bär_BfNSkript413.pdf PDF, 2.184 KB

Wer war es? Spuren und Risse von großen Beutegreifernerkennen und dokumentieren (PDF, 3.014 KB)
Gespeichert
 

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