Der Himmel hat einen Hofnarren gebraucht

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Autor Thema: Der Himmel hat einen Hofnarren gebraucht  (Gelesen 254 mal)

Oval 5

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Der Himmel hat einen Hofnarren gebraucht
« am: 08.06. 2020, 18h39 »

Mein Hofnarr ist gestorben.



* 1.11.2008 wohlbehütet bei seiner Züchterin in Deutschland.
† 4.6.2020 auf seinem Bettchen daheim.

Eingezogen ist er mit 11 Wochen. Ein spezieller Vertreter seiner Rasse, weil die Farbe nicht richtig wäre für den Standard.... mir hat er mit dem Forellenmuster besonders gut gefallen. Ein gestromter Azawakh mit zu hohem Weißanteil, genetisch kein Schecke im eigentlichen Sinne. 

Ausstellungen und überhaupt alles, was ihn dazu verpflichtet hat, stillzustehen, hat er immer gehaßt und wortreich kommentiert. So manches meiner Videos hat er so vertont :-) Freiwillig hingegen ist er schon gerne auch stehen geblieben oder so ... kein lästiger Treibauf.
Die Ohren mußte ich immer mal im Blick behalten und der Eichen-Prozessionsspinner hat ihn leider auch nicht kaltgelassen. Das war alles weitgehend unproblematisch in den Griff zu bekommen.
Sonst gab's nichts, was ich als bemerkenswert einstufen würde. 

Aufgewachsen ist er mit dem Blinden und der Prinzessin als Zieheltern mit so viel Freiheit als möglich und nur so viel Leine wie nötig. Die beiden Greys haben ihm viel durchgehen lassen, nur selten mal eine Grenze deutlich gemacht. Dumm war er ja nicht, ein bißchen eigensinnig halt... er hat dann schon schnell begriffen.
Lange Spaziergänge frei unter Hunden aller Art war ganz normal und er hat sich auch wirklich immer vertretbar benommen. Mit Regenmäntelchen waren wir auch Sommer wie Winter echt wetterfest unterwegs. Ein sehr harmonisches Trio war das.
Sogar Azawakhs gab es zum spielen! Die Cousine um's Eck.... Der Damm zwischen Kanal und Bach ... beste Bedingungen für ein gutes Hundeleben.

Nach dem Umzug hier eine Meute hübsche Mädels für die er das Revier gesichert hat. Freilauf im Garten soviel er wollte. Einen zumindest erträglichen, nur wenig jüngeren aber viel unerfahreneren Greyhound als Kumpel, den er im Zweifelsfall bis zuletzt auch in seine Schranken gewiesen hat. Einen warmen Ofen im Winter und Kuscheldecken, inklusive der täglich mehrfach eingeforderten Dienstleistung, zugedeckt zu werden...

Den Wind hätte er sicher etwas runtergeregelt und die Mädels auch in ihren Ausläufen besucht. Das ging natürlich nicht.


Ich hatte mir vorgenommen so viel Freiheit wie möglich zu schaffen für den recht selbständig agierenden Nomaden-Windhund aus der Wüste und ein paar klare Grenzen wo dann auch mal was wirklich nicht geht. Mein Limenen hat so die meiste Zeit im Leben genau das gemacht, was er wollte und er durfte reden, wenn ihm etwas nicht gepaßt hat, damit er nie beißen muß. Diese Rechnung ist aufgegangen.

Der Idi hatte ein schönes Leben.


Der Himmel hat nun wohl einen Hofnarren gebraucht und mein Kleiner muß sich schon eine Weile auf die Stelle beworben haben und da oben weiß man ja, was gut ist.
Nach dem Spaziergang, auf den er seit ein paar Tagen schon nicht so recht Lust hatte, wollte er sich draußen trotz Nieselregen unter dem Wagen eine Höhle graben.
Irgendwie kurzatmig.
Wir sind also zum Tierarzt gefahren, haben dort ein Röntgenbild gemacht und dann noch eins, um eine Magendrehung ausschließen zu können. Auf den Bildern haben wir einen völlig intakten Magen gesehen, aber auch Luft im Brustkorb. Pneumothorax* hab ich gelernt, nennt man das. Ein Lungenflügel war schon deutlich verkleinert. Das erklärt die Atemnot.
Ob er einen Unfall gehabt habe?
Nein. Kein Unfall.
Es gab im Bereich der Lunge auf der Aufnahme unklare Stellen. Vermutlich ein Geschwür, das aufgegangen ist. Mit Schmerzmittel und Valium gedopt habe ich ihn wieder nach Hause gefahren.
- Nichts machen, in Ruhe lassen hat der Tierarzt gesagt. Manchmal heilt so was - manchmal.
Die Behandlung, die möglich gewesen wäre, hätte der Hofnarr ohne Betäubung wirklich nicht ertragen können und eine Narkose stand schlicht nicht zur Debatte.
Das ist gefährlich hat er noch gesagt, der Tierarzt
und ja, das war mir klar.

Es ist nicht geheilt, mein kleiner Lieblingshund ist nicht lang nach dem Heimkommen auf seinem Platz mit dem Löwenpüppchen ganz leise auf die Reise über den Regenbogen gegangen. Da oben kann er jetzt wieder den Hofnarren geben. Die Luft hier war zu dünn geworden.
 

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr kleine, recht unscheinbare und jedenfalls nicht auf die Ursache deutende Anzeichen tauchen in meiner Erinnerung auf. Ein Kratzen unter seinem Lieblings-Rosenbusch im Garten Anfang der Woche zum Beispiel. Als wolle er sich da eine Kuhle machen... Das Halsband, das ich ihm abgenommen hatte vor ~ einem Jahr, weil der Hals irgendwie zu dick geworden war und er sich so oft gekratzt hat? Ohne Halsband war dann alles wieder gut gewesen.
Klar hätten wir viel früher mal zum Tierarzt fahren können. Nur - was sagt man dem, wenn der Hund nicht irgendwie krank ist? Wo hätten wir anfangen sollen mit einer Untersuchung?
Die kleinen Knubbelchen unter der Haut. Ja sicher, man hätte... ob es dadurch besser geworden wäre? Eine Odyssee durch diverse Praxen und Kliniken für meinen Kleinen, immer verbunden mit Schmerzen und unangenehmen Erfahrungen?
Ich glaube nicht, daß es falsch war, ihm das zu ersparen und auch nicht, daß wir etwas hätten gewinnen können damit.


Reisende, sagt man ja, solle man nicht aufhalten, nur bin ich noch immer so schlecht im Abschied nehmen.
Hatte mir noch viel gewünscht mit dem eigensinnigsten und doch lenkbaren Hund, der mich in meinem Leben bisher begleitet hat. Eine Stecknadel im Heuhaufen, die man nicht ersetzen kann. Was bleibt, als dankbar zu sein für all die Jahre und Erlebnisse, die Erinnerungen und erstaunliche Nähe.
Ich konnte ihn einfach gut riechen, hab ihm so gerne zugeschaut in seinen Bewegungen, mochte sein kurzes, dichtes Fell über der trockenen Muskulatur.

Todtraurig und vollends erschüttert bleibe ich zurück in einem Leben, das einen Haufen Verantwortung erwartet in einer sowieso aufgewühlten Zeit, in der viele Menschen noch ganz andere Verluste und Zumutungen zu ertragen haben.



* Pneumothorax
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KimC

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Re: Der Himmel hat einen Hofnarren gebraucht
« Antwort #1 am: 09.06. 2020, 18h09 »

Es tut mir so leid für euch. Ich hab den Hofnarr auch gemocht. Da fehlt dann etwas, aber das leben geht gnadenlos weiter.
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Oval 5

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Re: Der Himmel hat einen Hofnarren gebraucht
« Antwort #2 am: 09.06. 2020, 22h12 »

Danke Kim. Ja, er fehlt wirklich und ja, gnadenlos ist glaub ich das richtige Wort.  :'( neu


 
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Oval 5

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Re: Der Himmel hat einen Hofnarren gebraucht
« Antwort #3 am: 29.06. 2020, 14h46 »


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Oval 5

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Re: Der Himmel hat einen Hofnarren gebraucht
« Antwort #4 am: 27.07. 2020, 02h58 »

Von einem Spaziergang Ende März, bei dem ich die Fotos damals wieder nicht rechtzeitig fertig bekommen hatte, schaut mich heute unvermittelt ein so vertrautes Gesicht an. Der Hofnarr war einfach ein netter Zeitgenosse.

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KimC

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Re: Der Himmel hat einen Hofnarren gebraucht
« Antwort #5 am: 29.07. 2020, 08h40 »

Gut dass du die Aufnahmen gemacht hast, ich kenn die freude wenn da ein veressenes Bild von eon läntst verstorbener Hund auftaucht.
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Oval 5

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Re: Der Himmel hat einen Hofnarren gebraucht
« Antwort #6 am: 02.08. 2020, 03h27 »

Ja, mal so mal so, Kim.
Entweder freut man sich, oder es kommt die Trauer zurück.
Beides zeugt jedenfalls davon, daß man sich mal tief eingelassen hatte auf ein Wesen. Und natürlich ist es schön, Fotos zu haben von Zeitgenossen, die man überlebt hat.

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